Aus
Geschichte und Lehre Die griechisch-orientalischen
(orthodoxen) Kirchen nennt man auch Ostkirchen. Die Bezeichnung orthodox
(rechtgläubig) deutet an, dass es sich um Kirchen handelt, die auf die
Wurzeln des Christentums zurückgehen. Die Orthodoxie hält sich für
älter als die Kirche von Rom. Während diese ihren Ursprung von der
römischen Gemeinde und dem Apostel Petrus ableitet, meinen die Orthodoxen,
direkt von den ersten Christusgemeinden im Heilligen Land, ja von der
Urgemeinde in Jerusalem abzustammen. Bestärkt wird diese Meinung durch den
Umstand, dass die älteste Niederschrift des Neuen Testaments in
griechischer Sprache erfolgte, der Sprache der orthodoxen
Mutterkirche. Wenn man heute von der „ungeteilten, einen, allgemeinen,
katholischen und apostolischen Kirche“ spricht, so meint man die
Gesamtkirche von 1054, also vor der offiziellen, durch gegenseitigen
Bannfluch zustande gekommenen Spaltung zwischen Ost- und Westkirche. Die
Bannflüche wurden zwar von wenigen Jahren aufgehoben, trennend steht
zwischen den beiden großen uralten Kirchenkörpern aber nach wie vor die
römische Institution des Papsttums, vor allem die Dogmen von 1870 von der
päpstlichen Unfehlbarkeit und der bischöflichen Allgewalt des Papstes. Die
Orthodoxie kennt kein autoritäres geistliches Oberhaupt wie die Kirche von
Rom, sie ist vielmehr ein Verband einzelner Nationalkirchen, vertreten
durch ihre Patriarchate. Nach der Spaltung von der Westkirche hat sich die
Orthodoxie theologisch-wissenschaftlich kaum mehr
verändert.
Die griechisch-orientalische (orthodoxe)
Kirche Die zum Teil noch aus Paulinischer Zeit stammenden,
aber fast durchwegs uralten christlichen Gemeinden auf griechischem Boden
bildeten die orthodoxe Kirche Griechenlands. Bis ins 8.Jahrhundert
unterstand sie formell der römischen Jurisdiktion. Kaiser Leo III.
unterstellte sie 732 dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, der
bis heute den Ehrenprimat über die gesamte Orthodoxie innehat. Nachdem
Konstantinopel 1204 durch die (katholischen) Kreuzfahrer erobert worden
war, wurden alle orthodoxen Priester und Bischöfe vertrieben, die den
Papst nicht anerkennen wollten. Die Kirche wurde dem lateinischen
Patriarchen von Konstantinopel unterstellt. Aber der Widerstand gegenüber
Rom blieb. Nach der Wiedererrichtung des byzantinischen Staates (nach1261)
wurde die Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchen über die gesamte
griechische Kirche wiederhergestellt. Die orthodoxe Kirche
Griechenlands ist eng mit dem griechischen Volk und seiner Kultur
verbunden. Besondere Verdienste kommen dabei den Mönchen zu. Seit dem 10.
Jahrhundert besteht in Griechenland ein starker Drang nach dem
monastischen Leben, im Hochmittelalter wurden viele Klöster gegründet. Die
meisten liegen auf Gebirgspässen und an Kreuzwegen, also an
verkehrstechnisch wichtigen Punkten. Da Mönche oft an der Verteidigung des
Landes gegen heidnische Überfälle beteiligt waren, liegt die Vermutung
nahe, dass die Klostergründungen aus zum Teil militärischen Gründen vom
Staat gefördert wurden. Ende des 10. Jahrhunderts wurde auch die
Mönchsrepublik auf dem Berg Athos reorganisiert. Nach der Eroberung
Konstantinopels durch die islamischen Türken (1453) vergingen nur wenige
Jahre, bis die Türken auch Griechenland besetzten. Vor den größten
Schikanen konnte man sich im Allgemeinen nur durch den Übertritt zum Islam
retten. Für Christen herrschte Schulverbot, daher versank eine ganze
Nation in Unwissenheit und war damit in Gefahr, ihr Selbstbewusstsein zu
verlieren. Hier griff die Kirche ein. Die Geistlichen wurden zu Ethnarchen
(Volksführer). Die „Schule im Verborgenen (Krypho SCholeio)“, die von der
Kirche erhalten wurde, war die einzige Bildungsmöglichkeit für die
griechischen Kinder, denen die Mönche das Lesen, Schreiben und die
Geschichte ihres Volkes beibrachten. Die Kirche tat auch viel zur
Linderung der größten Not. Diese Tätigkeit setzte die Kirche auch nach der
Befreiung von den Türken fort und ist immer noch bereit, die Rolle des
„Ethnarchen“ zu spielen, z.B. in Zypern. In Österreich gibt es
griechisch-orientalische (orthodoxe) Christen seit mehreren Jahrhunderten.
Schon die Babenberger heirateten griechische Prinzessinnen, die ihre
„orthodoxe“ Gefolgschaft mitbrachten. Griechen kamen vor allem als
Kaufleute, Ärzte und Gelehrte in unser Land. Gemeinsam mit den
evangelischen Christen bekamen sie 1781 im Rahmen des Toleranzpatents
Kaiser Josefs II. die Erlaubnis zur freien Religionsausübung. Heute ist
Wien Sitz eines griechisch- orthodoxen Metropoliten.
Die serbische
griechisch-orientalische (orthodoxe) Kirche Im 6. Jahrhundert begann
das slawische Volk der Serben den nördlichen Teil der Balkanhalbinsel zu
besiedeln, die damals zum byzantinischen Reich gehörte. Dort kamen sie mit
dem Christentum in Berührung. Der Prozess ihrer Christianisierung dauerte
rund 300 Jahre. Das größte Verdienst um die Christianisierung der Serben
kommt den Brüdern Cyrill und Method im 9. Jahrhundert zu, die, obwohl von
Geburt Griechen, als die Slawenapostel gelten. Sie schufen das erste
slawische Alphabet und predigten in slawischer Sprache. Durch sie
erhielten die Serben die Heilige Schrift und die wichtigsten liturgischen
Bücher in ihrer eigenen Sprache. Die von Cyrill und Method gegründeten
Klöster wurden zu den wichtigsten Zentren christlichen Lebens. Nach dem
Bruch zwischen Ost- und Westkirche von 1054 wetteiferten Rom und Byzanz
darin, die Serben unter ihren Einfluss zu bekommen. Ende des 12.
Jahrhunderts gelang es dem serbischen Fürsten Stefan Namanja, die Serben
als Nation zu einigen. Kirchlich entschied er sich für den Osten. Sein
Sohn Sava, später als Heiligen verehrt, wurde zum geistlichen Führer. Er
hielt vom Ökumenischen Patriarchat in Konstantinopel die Autokephalie
(kirchliche Selbständigkeit) und wurde der erste serbische Metropolit. Ihm
ist die Organisation der serbischen Kirche zu verdanken, er gründete
Bistümer, Pfarreien und viele Klöster. Ende des 14. Jahrhunderts erlebte
die Kirche ihren Höhepunkt und wurde zum Patriarchat erhoben. Diese
Entwicklung wurde bald darauf durch den Einfall der Türken auf dem Balkan
unterbrochen. Fast fünf Jahrhunderte lang litt das serbische Volk und mit
ihm seine Kirche unter der türkischen Herrschaft. In dieser schweren Zeit
war die Kirche nicht nur Trägerin des religiösen Lebens, sondern auch
Repräsentantin des nationalen, kulturellen und politischen Lebens der
Serben. Die Bedeutung der Kirche für die Nation erhöhte sich besonders
nach der Wiederherstellung des Patriarchats 1557. Die Jurisdiktion des
Patriarchen umfasste das ganze serbische Volk, nicht nur in Serbien,
sondern auch in allen Ländern, in die sich Serben vor den Türken
geflüchtet hatten. Während der Zeit der Türkenkriege auf dem Balkan
kämpften die Serben, unterstützt von ihrer Kirche, an der Seite
Österreichs. Als sich die österreichischen Truppen 1690 hinter Save und
Donau zurückzogen, folgte ihnen eine große Zahl von Serben unter der
Führung des Patriarchen Arsenij III. in die Wojwodina. Dort konnten sie
ihr nationales und kirchliches Leben neu organisieren. Nach den serbischen
Aufständen von 1804 und 1815 wurde das Land wieder befreit, die Kirche
erhielt wieder ihre Autokephalie als Erzbistum. Nach der Vereinigung
Jugoslawiens 1918 wurde das Patriarchat wiederhergestellt. Im Zweiten
Weltkrieg wurden viele serbisch-orthodoxe Christen getötet, fast die
Hälfte der Priester waren umgekommen. Rund 1400 Kirchen, Klöster und
Kapellen wurden zerstört, der Patriarch und zwei Bischöfe kamen ins
Konzentrationslager Dachau. Noch heute leidet die Kirche unter den
Verlusten im Krieg. In Österreich gibt es schon lange serbische
griechisch-orientalische (orthodoxe) Christen. Sie kamen während der Zeit
der Monarchie als Soldaten, Handwerker, aber auch als Akademiker nach
Wien. Durch die vielen jugoslawischen Gastarbeiter ist die Zahl der
serbisch-orthodoxen Christen in unserem Land in den letzten Jahrzehnten
sprunghaft angestiegen.
Die rumänische
griechisch-orientalische (orthodoxe) Kirche Obwohl anzunehmen
ist, dass bereits im 2. und 3. Jahrhundert christliche Einflüsse das
damals zum römischen Reich gehörende Land erreichten, so kennt man eine
rumänische Kirchengeschichte erst seit dem 14. Jahrhundert. Bis zu diesem
Zeitpunkt ist verhältnismäßig wenig von diesem Land bekannt, man weiß
nicht einmal recht, wer es besiedelte. Sicher ist nur, dass Rumänien
während des ganzen Mittelalters den bulgarischen Diözesen Silistra und
Widdin unterstand und damit ein Teil der orthodoxen Kirche war. Die
Kirchensprache war slawisch. Das kirchliche Leben wurde erst seit dem
16. Jahrhundert wirklich organisiert. Unter türkischer Oberhoheit wurde es
kaum angetastet, wenn das Land auch vielfach mit muslimischen Siedlern
durchsetzt war. Seit dem 17. Jahrhundert gewann das griechische Kirchentum
stark an Einfluss. Viele Klöster wurden griechischen Mutterklöstern auf
dem Athos, dem Sinai oder in Jerusalem übereignet, und griechische Mönche
gründeten griechische Schulen. Ein Versuch, sich der russischen Kirche
anzuschließen, misslang. 1859 wurden die beiden Donaufürstentümer
Moldau und Walachei zusammengeschlossen, vier Jahre später der
Klosterbesitz säkularisiert – damals fast ein Fünftel des Landes.
Gleichzeitig wurde der griechische Einfluss ausgeschaltet. Seit 1865 war
die Kirche autokephal, allerdings wurde diese Tatsache erst 20 Jahre
später vom Ökumenischen Patriarchat anerkannt. Um 1870 wurde in Rumänien
die lateinische Schrift eingeführt, seither ist das moderne Rumänisch auch
Kirchensprache. Von dieser Entwicklung unabhängig ist die
Kirchengeschichte Siebenbürgens. Hier war schon im 14. Jahrhundert ein Exarchat des Ökumenischen Patriarchats entstanden, um 15. und 16.
Jahrhundert wurden zwei weitere Bistümer gegründet. Der starke nationale
Gegensatz zwischen Ungarn, Siebenbürgen Sachsen und Rumänen – nur die
letzteren sind Orthodoxe – wirkte sich auch auf die Kirche aus. Zwischen
1697 und 1700 spaltete sich die orthodoxe Kirche n Siebenbürgen, ein Teil
schloss sich als „uniert“ der römisch-katholischen Kirche an. Nach langem
politischen Tauziehen gewährte Ungarn 1869 den Orthodoxen in Siebenbürgen
die kirchliche Autonomie mit der Metropole Hermannstadt. Nach dem
Zusammenschluss mit Rumänien 1918/19 kam es zu engen Beziehungen zwischen
der siebenbürgischen und der rumänischen Orthodoxie. Der formale
Zusammenschluss erfolgte 1925, wobei die Siebenbürger zahlreiche
Sonderrechte erhielten. Alle Orthodoxen sämtlicher Landesteile wurden nun
in einem Patriarchat zusammengefasst, das von Konstantinopel anerkannt
wurde. Das neue Patriarchat wurde in fünf Metropolen eingeteilt. Die
Umwandlung Rumäniens in eine Volksrepublik brachte ein neues Verhältnis
zwischen Kirche und Staat; es kam zu einer völligen Trennung. Die
theologischen Akademien wurden aus dem Universitätsverband gelöst, die
Zahl der Theologiestudenten auf 500 beschränkt. Der Religionsunterricht
muss außerhalb der Schulen erteilt werden. Die Kirche produziert
zahlreiche theologische Zeitschriften von hervorragender Qualität. In
Österreich gibt es schon lange eine rumänische griechisch-orientalische
(orthodoxe) Gemeinde. Viele rumänische griechisch-orientalische
(orthodoxe) Christen haben zum kulturellen Leben Österreichs beigetragen,
es soll nur an den berühmten rumänischen Dichter Eminescu erinnert werden,
der einen Teil seiner Studienzeit in Wien verbrachte und nicht nur
entscheidende Anregungen erhielt, sondern in einer Art Wechselwirkung die
Literatur unseres Landes beeinflusste. Die rumänische
griechisch-orientalische (orthodoxe) Kirche in Österreich hat ihren Sie in
Wien.
Die bulgarische griechisch-orientalische (orthodoxe)
Kirche Das Gebiet des heutigen Bulgarien war ursprünglich von
indogermanischen Thrakern besiedelt, die in den letzten Jahrhunderten v.
Chr. von den Griechen, dann von den Römern beeinflusst wurden. Ab dem 3.
Jahrhundert gab es christliche Gemeinden, am Ende des 4. Jahrhunderts war
das Christentum die vorherrschende Religion. Seit dem Beginn des 6.
Jahrhunderts begannen Slawen unter einer türkischen Oberschicht in das
Land einzuströmen, um 600 war das ganze Land slawisch.k Durch das
Eindringen der Slawen dam es zunächst zu einer fast völligen Ausrottung
des Christentums. Erst im 8. Jahrhundert führen Handelsbeziehungen, die
Einfuhr christlicher Sklaven und slawische Söldner im oströmischen Heer zu
neuen Ansätzen der Christianisierung. Im 9. Jahrhundert setzt sich die
slawische Sprache der bäuerlichen Unterschicht gegenüber der türkischen
Sprache der Oberschicht durch. Es kommt zur Bildung eines neuen Volkes.
Khan Boris I. (852-888) entscheidet sich aus politischen Gründen für das
Christentum. Schüler des heiligen Method, die um 885 aus Großmähren
vertrieben werden, finden in Bulgarien Zuflucht und einen neuen
Wirkungskreis und verstärken die missionarischen Bemühungen. Erst jetzt
kann sich eine kirchliche Hierarchie ausbilden. Durch die Eroberung
Konstantinopels durch westliche Christen 1204 verstärkt sich in den
folgenden Jahren der lateinische Einfluss auf Bulgarien erheblich. Dies
veranlasst den Zaren Kolajan (1197-1207) zu einer Union mit dem Papsttum,
die allerdings nur bis 1235 gedauert haben kann, da in diesem Jahr das
autokephale Patriarchat Bulgariens vom Ökumenischen Patriarchen anerkannt
wird. Dieses bulgarische Patriarchat besteht bis zur Eroberung des Landes
durch die Osmanen. In der Zeit zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert
kommt es immer wieder zu bulgarischen Aufständen gegen die osmanische
Herrschaft, die freilich erfolglos bleiben, anderseits aber den
griechischen Einfluss auf die bulgarische Kirche stärken. Im 18.
Jahrhundert werden die bulgarischen Bistümer fast nur mehr mit
griechischen Geistlichen besetzt. 1767 wird der letzt bulgarische
Rückhalt, das Erzbistum Ochrid, dem Patriarchat Konstantinopel
einverleibt. Erst Ende des 18. Jahrhunderts kommt es zu einem nationalen
Aufschwung des bulgarischen Volkes, der natürlich auch die Kirche erfasst.
Es sind vor allem die Klöster, aus denen die kirchliche und nationale
Gegenbewegung kommt. Die Bulgaren können nach langen, leidvollen Kämpfen
schließlich die Bischofssitze und – was besonders wichtig ist – das bisher
von den Griechen beherrschte Schulwesen zurückgewinnen. Durch die
Errichtung eines bulgarischen Schulsystems wird die griechische Sprache
nach und nach verdrängt. Nach dem Krimkrieg (1853-1856) bricht der
Kirchenkampf in voller Härte und Leidenschaft aus. Der Patriarch von
Konstantinopel bleibt unnachgiebig. So streben die Christen Bulgariens
eine Union mit Rom an. Um den Streit zu beenden, begründet der Sultan
durch Ferman (Erlass) am 12. März 1870 ein autonomes bulgarisches
Exarchat, das das Gebiet des heutigen Bulgarien sowie Mazedonien umfasst.
Der von den Türken unter fürchterlichen Grausamkeiten niedergeworfene
bulgarische Aufstand führt zum russisch-türkischen Krieg (1877/78) und
schließlich zur Gründung eines selbständigen bulgarischen Staates. Das
seit 1870 bestehende Schisma mit Konstantinopel findet erst 1945 mit der
Anerkennung der bulgarisch-orthodoxen Autokephalie durch das Ökumenische
Patriarchat sein Ende. Nach der Einführung der Volksrepublik kommt es in
Bulgarien nicht zum Kirchenkampf. Die bulgarisch-orthodoxe Kirche wird
„demokratische Volkskirche“. 1953 wurde die Patriarchatswürde
wiederhergestellt. Obwohl es in Österreich schon lange bulgarische
Christen gibt – sie kamen vor allem als Gärtner schon in der Zeit der
Monarchie ins Land -, konstituiert sich erst in den sechziger Jahren
unseres Jahrhunderts eine eigene Gemeinde mit eigenem
Seelsorger.
Die russische griechisch-orientalische
(orthodoxe) Kirche Die Geschichte der russischen Kirche
beginnt 988 mit der Bekehrung des Großfürsten Wladimir von Kiew zum
Christentum. Wladimir veranlasste sein Volk, ihm im Glauben zu folgen, und
machte das Christentum zur Staatsreligion. Das bedeutete einen Anschluss
Russlands an Europa. Das christliche Russland bildete so eine Front gegen
das heidnische Asien. Geistig war für den Aufbau der russischen Kirche
nicht so sehr Byzanz verantwortlich als das südslawische kirchliche
Zentrum Ochrid. Da man aus Bulgarien die altslawischen Übersetzungen der
wichtigsten kirchlichen Schriften – vor allem der Bibel – ohne
Sprachschwierigkeiten übernehmen konnte, erlangte die griechische
Kirchensprache in Russland niemals Bedeutung. Diese sprachliche
Eigenständigkeit förderte die Nationalisierung der russischen Kirche,
obwohl ihr geistliches Oberhaupt, seit 1037 der Metropolit von Kiew,
zunächst meist ein Grieche war. Während der Weltklerus zumindest in der
Frühzeit stark südslawisch durchsetzt war, war das Mönchstum von Anbeginn
an rein russisch. Das war von größter Bedeutung, denn es waren die Mönche,
die für die Christianisierung der breiten Massen und für die Durchdringung
des Volkes mit typisch russischer Frömmigkeit sorgten. In den Mönchen sah
das Volk seine wahrhaften geistlichen Führer. Jaroslaw der Weise
(+1045) konnte – wenigstens für kurze Zeit – einen Russen zum Metropoliten
machen. Damals gab es in Kiew eine gewisse antigriechische Strömung. Die
von den Fürsten begünstigt wurde. Mitte des 12. Jahrhunderts verlor Kiew
seine Stellung als politisches Zentrum des Landes, es bildeten sich neue
Schwerpunkte. Das einigende Band Russlands wurde nun mehr und mehr seine
Kirche. Der Sitz des Metropoliten wurde nach Wladimir verlegt, nachdem
Kiew 1240 von den Mongolen zerstört worden war. Die Zeit vom 14. bis
zum Ende des 16. Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch ein starkes Bündnis
zwischen Kirche und Staat im Kampf um die Unabhängigkeit sowohl gegenüber
Byzanz. Die Errichtung eines eigenen Moskauer Patriarchates und die damit
endgültige Lösung von Konstantinopel bedeutete einen riesigen
Prestigegewinn. Es war zu einer inneren Erneuerung der russischen Kirche
gekommen. Die Mongolen wurden als Strafgericht Gottes für die Sünden der
Christen betrachtet. Die Kirchenleitung in Moskau tat alles, um ihre Macht
zu festigen und die Organisation der Kirche in Moskau zu zentralisieren.
Da die Mongolen noch immer den östlichen Teil des Landes beherrschten,
schloss sich der Westen des Reiches eng an die Großmacht Litauen an. Was
ursprünglich als Schutzbündnis gegen die Mongolen gedacht war, wurde zur
Abhängigkeit. Das litauische Reich dehnte seine Macht immer weiter nach
Osten aus und reichte schließlich bis Kiew. Damit war auch auf kirchlichem
Gebiet der Einfluss Moskaus weitestgehend ausgeschaltet. Durch eine Union
mit Polen kam es auch zu einem stärkeren Eindringen westlich-katholischer
Elemente. So kam es zu einem harten Abwehrkampf gegen die katholische
Kirche, die die orthodoxen Christen unter ihre Jurisdiktion zu bekommen
versuchte. Durch die höhere kulturelle Potenz der Katholischen Kirche
wurden vor allem viele Adelige zu einem Übertritt bewogen. Es gab aber
auch Adelige, die sich als Verteidiger des orthodoxen Glaubens fühlten.
Auf sie und auf das Bürgertum war nun die russische Kirche vor allem
angewiesen. Es wurden Bruderschaften gegründet, die als aktives
Laienelement in der Kirche entscheidend zum Fortbestehen der russischen
Kirche beitrugen. Die Auseinandersetzung mit dem westlichen Katholizismus
hat dazu geführt, dass die Orthodoxie im Südwesten Russlands theologisch
viel aufgeschlossener und aktiver war als etwa die Moskauer Patriarchie. Kurz nach der Gründung des Moskauer Patriarchates 1589
starb die Rurik-Dynastie aus. Durch das Auftreten des „falschen Demetrius“
kam es im Land zu schweren Wirren. Als das katholische Polen eingriff,
konzentrierten sich die nationalen Kräfte Russlands zu einem Abwehrkampf,
an dem sich die orthodoxe Kirche lebhaft beteiligte. Der 1613 gewählte
junge Zar Michael Romanow war ein Sohn des Patriarchen Filaret. Regent war
in Wirklichkeit nicht der Zar, sondern der Patriarch. In der neu
geschaffenen Ständevertretung war auch die Geistlichkeit
vertreten. Unter den vielen einschneidenden Reformen Zar Peters des
Großen hatte sein „Geistliches Reglement“ von 1721 den größten Einfluss
auf die Kirche. An die Stelle des Patriarchen setzte er eine Staatsbehörde
– den „Allerheiligsten dirigierenden Synod“ -, dessen Oberprokurator, ein
Laie, entscheidende Rechte hatte. Diese Neuerung betraf aber im
Wesentlichen nur die Verwaltungsstruktur der Kirche. Ihr theologischer,
vor allem ihr liturgischer Charakter blieb unberührt. Katharina die Große
entschied 1764 die Frage der Klostergüter im Sinne der Säkularisierung,
sie ging dabei aber nicht so rigoros vor wie Josef II. in Österreich. Besonders aus der
Literatur des vorigen Jahrhunderts ist uns die tief religiöse Haltung des Volkes
und auch der gebildeten Schichten zum Begriff geworden. Im November
1917 fand sich die Kirche bald in einen ideellen Kampf gegen den
atheistischen Bolschewismus verwickelt. Als Patriarch Tycon im Jänner 1918
das Anathema über die Bolschewisten aussprach, verkündete die Regierung
wenige Tage später die absolute Trennung von Kirche und Staat. Der Kirche
wurden alle Rechte einer juristischen Person aberkannt, die Schließung der
kirchlichen Lehranstalten und die Enteignung des gesamten kirchlichen
Eigentums wurden vorgesehen. Als sich der Kampf der Regierung auch
persönlich gegen Priester und Bischöfe richtete, kam es zu einer
Verschärfung des Verhältnisses. Zwar sicherte das Kultusgesetz von 1929
Religionsfreiheit, die Kirche wurde jedoch völlig der staatlichen
Kontrolle unterstellt. Die „große Säuberung“ von 1936/37 forderte viele
Opfer. Allerdings wurde niemand wegen seiner Religionszugehörigkeit
verurteilt, es wurden vielmehr immer staatsfeindliche oder
konterrevolutionäre Tätigkeiten vorgeschoben. Erst der Zweite Weltkrieg
brachte eine gewisse Entlastung. 1943 gestattete Stalin die Wahl Sergius`
zum Patriarchen und ließ 1945 Neuwahlen in den Synod zu. Auch die
antikirchliche Propaganda wurde eingeschränkt. Die Kirche ihrerseits
unterstützte den sowjetischen Patriotismus und stiftete namhafte
Geldbeträge für die Landesverteidigung. Das Verhältnis zwischen Staat und
Kirche ist derzeit recht gut. Die russisch-orthodoxen Christen in
Österreich setzten sich zunächst vorwiegend aus Diplomaten und Kaufleuten
zusammen, nach der Revolution kamen viele Flüchtlinge. Die russische
griechisch-orientalische (orthodoxe) Kirche hat in Wien einen
Bischofssitz.
Gemeinsamkeiten Die griechisch-orientalischen (orthodoxen) Kirchen sind
geeint durch ihre Lehre. Unterschiede sind eher in Volksbräuchen gegeben,
die aber dogmatisch in keiner Weise ins Gewicht fallen. Obwohl der
Mensch durch den Sündenfall, die Ursünde, dem Tod anheim fiel, hat doch
Gott von Anfang an seine Erlösung beschlossen und durch die Menschwerdung
seines Lohnes Jesus Christus, dessen Leiden, Sterben und Auferstehen
vollendet. Da der Mensch seinen freien Willen trotz der Ursünde behalten
hat, kann er auf seine Weise am Heilsprozess mitwirken. Dazu notwendig
sind sein Glaube an den Gottmenschen Jesus Christus und gute Werke. Die
Menschwerdung Gottes kann nicht verstanden werden, sie ist ein
Geheimnis. In der Kirche wird der von Jesus Christus begonnene
Heilsprozess weitergeführt. Sie zeigt den Menschen in der Eucharistie das
Drama von Kreuzesopfer und Erlösung. Demzufolge ist die Messe eine Art
Mysterienspiel, das von der Gemeinde eher passiv verfolgt wird.
Theatralisch ist die Trennung des Gemeinderaumes vom Altarraum durch eine
Bilderwand, durch deren drei Türen die Priester wie Schauspieler kommen
und gehen. Die Orthodoxie anerkennt als Quellen des Glaubens die
Heilige Schrift und die Tradition. Letztere schützt die Kirche vor
Irrlehren. Neue Dogmen könnte nach orthodoxem Verständnis nur ein wahrhaft
ökumenisches Konzil schaffen. Demgemäß werden auch nur die ersten sieben
Konzile der ungeteilten Kirche (vor 1054) anerkannt. Als Dogmen gelten
auch die Liturgien des Chrysostomos und des Basilius. Die Hierarchie
spielt in der Orthodoxie eine große Rolle. Der eigentliche Träger der
Tradition ist der Bischof, der auch als der Liturg schlechthin gilt. Die
Priester sind von ihm nur delegiert. Außer Priester und Bischof gibt es
noch den Diakon sowie eine untergeordnete Gruppe: Subdiakon, Vorleser,
Kantoren. Die nach kirchlichem Recht empfangene Ordination berechtigt zur
Verwaltung der Sakramente. Die Orthodoxie kennt sieben Sakramente: Taufe,
Firmung (die unmittelbar nach der Taufe gespendet wird), Abendmahl
(Eucharistie), Buße, Krankensalbung(nicht Sterbesakrament, nicht letzte
Ölung!), Ehe und Priesterweihe. Besonders ausgeprägt ist die Heiligen-
und Bilderverehrung. Die Ikone ist aber niemals Gegenstand der Anbetung,
sondern vielmehr ein Mittel zur Versenkung (Medium), ein Fenster zur
himmlischen Welt. Besondere Verehrung genießt die Muttergottes. Eine
wesentliche Rolle in der Orthodoxie spielt das Mönchstum. Da die Bischöfe
zum Unterschied von den Priestern nicht verheiratet sein dürfen, kommen
die meisten von ihnen aus dem Mönchsstand. Es gibt keine unterschiedlichen
Orden wie in der Westkirche. Allerdings sind die Mönchsregeln sehr
ähnlich, wenn sie auch von jedem Kloster für sich selbst bestimmt werden.
Das orthodoxe Mönchswesen nicht weltfremd. Von ihm
sind zu allen Zeiten entscheidende Kraftströme ausgegangen.
|