Die Kirche Jesu Christe der Heiligen der
Letzten Tage ist nicht aus dem Widerspruch zu irgendeiner christlichen
Glaubensgemeinschaft hervorgegangen, noch ist sie das Ergebnis einer
Spaltung innerhalb irgendeiner religiösen Gemeinschaft. Ihre Mitglieder
werden gewöhnlich als Protestanten eingestuft, weil sie nicht Katholiken
sind. Tatsächlich aber stehen sie dem Protestantismus nicht näher als dem
Katholizismus. Weder historisch noch nach dem heutigen Sprachgebrauch noch
in der Theologie oder Glaubensform können sie mit einer dieser beiden
Gruppen in Verbindung gebracht werden.
Geschichte Der Begründer der Kirche Jesu
Christi der Heiligen der Letzten Tage, Joseph Smith. Wurde 1805 in Sharon,
Vermont, USA, geboren. In einer Vision wurde ihm die Weisung gegeben, sich
keiner der bestehenden Kirchen anzuschließen, sie seien alle Irrtümer.
Wegen dieser Vision wurde Joseph verspottet und verfolgt. 1823 hatte er
eine zweite entscheidende Vision. Der Engel Moroni verkündete ihm das Vorhandensein eines auf goldene Platten geschriebenen Buches, das Bericht
von den früheren Einwohnern des amerikanischen Kontinents und ihrem
Ursprung gebe. Es enthalte auch die Fülle des ewigen Evangeliums, wie es
der Heiland diesen alten Einwohnern gegeben habe. Dabei seien auch zwei
Steine, Urim und Tummim, die Ihren Besitzer zum Seher und damit zum
Übersetzer des Buches machten. In der Vision sah Joseph noch die Stelle,
an der er zu gegebener Zeit die Platten finden würde. Dann sah er den
Himmel offen. Der Engel erschien ein zweites Mal, wiederholte seine
Verkündigung und unterrichtete Joseph über das große Strafgericht, das
über die Erde kommen und noch dieses Geschlecht treffen würde. Dann stieg
er wieder zum Himmel empor. Bei einer dritten Vision warnte der Engel
Joseph vor der Versuchung, sich an den goldenen Platten zu bereichern.
Tags darauf hatte Joseph wieder die Vision des Engels und wurde
angewiesen, seinem Vater alles zu berichten. Sein Vater sagte ihm, die
Sache sei von Gott und er solle tun, wie ihm befohlen. Auf einem Hügel in
der Nähe von Manchester fand Joseph in einem steinernen Behälter die
goldenen Platten und die beiden Steine. Er wurde aber angewiesen, sie
nicht zu nehmen. Am 22. September 1827 erhielt er die Platten und die
Steine, allerdings mit der Verantwortung, sie treu zu bewahren und sie dem
Boten zurückzugeben, sobald das Werk der Übersetzung getan sei. Er begann,
die Schriftzeichen der Platten abzuschrieben und mit Hilfe der beiden
Steine zu übersetzen. Ein Schriftexperte bestätigte, dass es sich um
ägyptische, chaldäische, assyrische und arabische Schriftzeichen handelte
und die Übersetzung richtig war. Oliver Cowdery, der von den Platten
gehört hatte, kam zu Joseph Smith und begann das Buch Mormon zu
übersetzen. Ein Bote des Herrn ordinierte die beiden Männer zu
aaronitischen Priestern und wies sie an, sich gegenseitig zu taufen. Der
Bote sagte sich, er sei Johannes der Täufer. Nach der Taufe empfingen die
beiden den Heiligen Geist der Prophezeiung. Die Heiligen Schriften lagen
nun ihrem Verständnis offen. Außer Oliver Cowdery boten sich nun auch
David Whitmer und Martin Harris sowie acht weiter Männer an, Zeugen zu
sein, dass sie die Platten gesehen hätten. Die Männer gründeten am 6.
April 1830 dem erhaltenen Gebot gemäß eine Kirche. Die Mitglieder legten
einander die Hände auf und empfingen den Heiligen Geist. Nach Aufrichtung
der Kirche zog Joseph Smith mit seinen Anhängern von New York nach
Kirtland, Ohio, in der Nähe von Cleveland. Es wurde ein Tempel gebaut, und
die Zahl der Mitglieder vergrößerte sich ständig. Aber bald führte heftige
religiöse Intoleranz zu Verfolgungen. Joseph Smith und sein Bruder Hyrum
wurden unter falschen Beschuldigungen eingekerkert und am 27. Juni 1844
von einem bewaffneten Gesindel erschossen.
Die Leitung der Kirche
übernahm Brigham Young. Unter seiner Leitung verließen die Heiligen der
Letzten Tage Illinois und wanderten in einem gefährlichen, mühsamen und
langen Zug nach Utah, wo die Stadt Salt Lake City gegründet
wurde. Heute hat die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
weltweit ihre Gemeinden errichtet. Ihre großen kulturellen und praktischen
Leistungen werden mehr und mehr anerkannt.
Lehre Die Kirche Jesu Christi der
Heiligen der Letzten Tage schließt in ihrer Religion alle ethischen
Grundsätze und grundlegenden Lehren des Neuen Testaments ein. Sie lehrt
die Goldene Regel, und sie lehrt, dass gute Werke, Glaube, Buße und Taufe,
Tugend und Ehrenhaftigkeit notwendig sind und dass das Beten wichtig und
wirksam ist. Die formellen Glaubensbekenntnisse der römisch-katholischen
Kirche und der protestantischen Kirchen kennt ihre Theologie nicht. Der
Mormonismus geht von den biblischen Lehren aus. Diese hat er durch
neuzeitliche Offenbarungen ergänzt. Vorrangig unter der Lehre der Mormonen
ist der Glaube an Gott den Vater, an Jesus Christus, seinen Sohn, und an
den Heiligen Geist. Gott gleicht der äußeren Erscheinung nach einem
Menschen. Er ist ein persönliches Wesen, er spricht und hat zu den
Menschen gesprochen. Er ist erhöht, und nach menschlichen Maßstäben ist er
allwissend und allmächtig. Aber er ist auch barmherzig und gütig. Er ist
der Vater des Geistes eines jeden Menschen, und er kümmert sich wie ein
Vater um seine Kinder und interessiert sich für sie. Sein Werk und seine
Herrlichkeit liegen darin, für ihr ewiges Wohlergehen zu sorgen. Jesus
Christus ist sein Sohn, im Fleisch gezeugt. Er hat im buchstäblichen Sinne
gelebt, ist gestorben und auferstanden, so wie es im Neuen Testament
berichtet wird. Er lebt auch heute und ist ein Wesen von eigener Gestalt
und Personalität. Der Heilige Geist ist eine Person aus Geist, dabei aber
doch eine Einzelperson. Diese drei bilden die Gottheit. Der Mensch ist
wirklich ein Kind Gottes. Der Geist des Menschen ist von Gott gezeugt
worden. Demzufolge sind alle Menschen in einem sehr realen Sinn Brüder und
Schwestern. Der Mensch kann frei seinen eigenen Weg wählen. Die
Entscheidungsfreiheit ist eine heilige, von Gott verliehene Gabe. Gott
hilft denen, die ihn suchen; alle Segnungen beruhen darauf, dass man
bestimmten Gesetzen gehorcht. Der Mensch ist ein ewiges Wesen. Als
Einzelperson von geistiger Substanz hat er schon gelebt, bevor er auf die
Erde gekommen ist. Das Leben auf der Erde in einem sterblichen Körper ist
nur ein weiterer Schritt auf einem großen und ewigen Weg. Hier hat er die
Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, zu wachsen und sich zu
vervollkommnen. Und im zukünftigen Leben wird er nicht in zwei
feststehende Gruppen – Bewohner des Himmels und der Hölle – geteilt. Es
wird verschiedene Stufen geben. Seine Individualität wird er beibehalten.
„Alle Grundsätze der Weisheit, die wir uns in diesem Leben aneignen,
werden mit uns in der Auferstehung hervorkommen.“ Das ist ein mormonischer
Aphorismus. Der Himmel ist de Ort, wo diejenigen sein werden, die ihr Ziel
durch Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes erreicht haben.
Priester Das
Priestertum ist im Mormonismus die Vollmacht, im Namen Gottes zu handeln.
Jeder Mann und jeder Junge über zwölf Jahre kann das Priestertum erhalten,
sofern er sich den Grundsätzen der Kirche unterordnet. Es gibt zwei
Ordnungen des Priestertums: Das aaronistische Priestertum – mit den Ämtern
Diakon, Lehrer und Priester – befasst sich mit den irdischen
Angelegenheiten der Kirche. Das melchisedekische Priestertum – mit den
Ämtern Ältester, Siebziger und Hohenpriester -, das eine höheren Ordnung
ist und alle Vollmachten des aaronistischen Priestertums mit einschließt,
befasst sich mit geistigen Angelegenheiten. Jedes Amt ist mit bestimmten
Aufgaben verbunden. Zu diesen zählt die Vollmacht, zu taufen, das
Abendmahl zu spenden und über verschiedene Gruppen zu präsidieren. Von
grundlegender Bedeutung in der mormonischen Theologie ist das Prinzip der
neuzeitlichen Offenbarung: „Wir glauben an alles, was Gott offenbart
hat, alles, was er jetzt offenbart, und wir glauben, dass er noch viele
große und wichtige Dinge offenbaren wird in Bezug auf das Reich Gottes“,
heißt es in der offiziellen Glaubenserklärung.
Bibelinterpretation
Die Bibel ist das von
Menschen geschriebene Wort Gottes. Sie nimmt eine grundlegende Stellung im
mormonischen Leben ein. Aber durch die Art und Weise, wie das Buch auf uns
gekommen ist, haben sich Fehler eingeschlichen. Sie wird als Richtlinie
als nicht vollständig erachtet. Als Ergänzung zur Bibel hat die Kirche
Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage noch drei weitere Bücher:
Das Buch Mormon
Lehre und Bündnisse
Die Köstliche Perle
Vielehe Für
viele Menschen hat Mormonismus einmal nur eines bedeutet: Vielehe. Die
Patriarchen des Alten Testaments hatten auf Grund göttlicher Weisung mehr
als eine Frau. Im Lauf der Entwicklung der Kirche Jesu Christi der
Heiligen der Letzten Tage im 19. Jahrhundert wurde dem Führer der Kirche
offenbart, dass diese Form der Ehe wieder eingeführt werden sollte. Die
Kirche nahm es als Gebot Gottes an. Aber nur Männer von größter
Charakterfestigkeit erhielten die Erlaubnis, eine Solche Ehe einzugehen.
Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts erließ der Kongress der USA
eine Reihe von Verfügungen, die diese Form der Ehe verboten, und die
Kirche erklärte sich bereit, sich diesen Entscheidungen zu fügen. Die Ehe
ist ein heiliger, von Gott bestimmter Vertrag. Die Kirche legt großen
Nachdruck auf den heiligen Charakter der Ehe und verkündet, dass Kinder
ein Segen Gottes sind. Der Ehebruch steht an Schwere gleich hinter dem
Mord.
Der Mensch ist als Ebenbild Gottes erschaffen. Sein Körper ist
die Wohnstätte seines Geistes und ist heilig. Die Mitglieder der Kirche
werden daher angehalten, sich des Alkohols, des Tabaks und anderer
gesundheitsschädlicher Stoffe zu enthalten. Ebenso ist Bildung für den
ewigen Fortschritt notwendig. „Niemand kann in Unwissenheit selig werden.“
Die Bildung in all ihrer Vielfalt ist daher ein wichtiges
Anliegen.
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